Ok, der Titel ist ein wenig hochgestochen. Aber heute war halt mal wieder Simulatorzeit…
Im März 2019 besuchte ich einen Full-Motion-Flugsimulator der Lufthansa Aviation Training in Zürich. Den Bericht dazu gibt es hier: https://gagei.wordpress.com/2019/03/25/uber-den-virtuellen-wolken/
Da mir der ganze virtuelle Flug einen Heidenspass gemacht hat, will ich es irgendwann nochmals machen. Da es aber schweineteuer ist, muss dies noch ein bisschen warten. Der „Durst“ nach Fliegen will aber trotzdem gestillt werden, also was tun?
Die Antwort fand ich auch www.passagierflug.ch. Die Firma Flight-Base bietet neben diversen „realen“ Flugerlebnissen auch diverse Flugsimulatoren an, die einiges günstiger sind als die Profigeräte der Fluggesellschaften und vermutlich nicht ganz soviel können, aber trotzdem keinesfalls mit irgendwelchen zusammengebastelten Homecockpits verglichen werden können.
Die Suche nach dem richtigen Simulatorerlebnis für mich war relativ kurz: Da mich kleine Propellerflieger und Helikopter nicht interessieren, und mein eigentlicher Favorit „A320“ seit längerer Zeit nicht verfügbar war, blieben noch ein F/A-18 Sim mit VR-Headset und zwei Boeing-Jets. Für die F/A-18 bin ich knapp zu schwer (das wird dann irgendwann mal nachgeholt), also hatte ich die Wahl zwischen der B737 und der B777, wobei ich mich für Letztere entschied. Wenn ich mich schon ins Boeing-Ecosystem einlernen musste, dann wenigstens mit Schwermetall. Zeitlich buchte ich 2 Stunden.
Heute ist es dann soweit: 09.30h empfängt mich Captain Harry am Simulatorstandort in Zürich. Nach einem kurzem Briefing geht es auch schon in den Flieger, welcher in Zürich am Gate B39 in einem typischen Turn-Around-State bereit steht. Nach Einstellung der Sitze darf ich wählen, was ich heute machen will. Mein Wunsch: Den Vogel aufstarten und einen kurzen Flug von A bis Z durchgehen, danach ein paar Mal landen üben. Gesagt, getan: Harry schlägt die Strecke von Zürich nach Mailand vor, hat auch einen entsprechenden Simbrief-Flugplan gespeichert. Das Kartenmaterial ist von Navigraph, welches ich auch von meinen privaten Simflügen kenne und nutze.
Zuerst muss meine „Triple Seven“ aber erst mal gestartet werden. Unter Anleitung des Captains führe ich das Alignment des IRS und den APU-Start durch, schalte die externe Stromversorgung aus und füttere das Flight Management System mit den nötigen Daten zu Performance und Flugroute. Nach Abarbeiten der Checkliste lässt er den Flieger dann zurückstossen und ich darf die zwei mächtigen GE90-Triebwerke starten.
Kurz darauf stehen wir bereit auf Taxiway N. Ich setze Flaps 5, schalte die Autobrake auf RTO und mache den Flight Controls-Check. So erhalte ich auch ein erstes Gefühl für das Steuerhorn, welches vorallem bei den Rollbewegungen etwas schwergängig ist. Insgeheim wünsche ich mir einen Sidestick wie bei den Airbussen, da ich mit meinen langen Beinen dem Yoke etwas in die Quere komme. Aber fertig mit jammern: Ich schalte die Taxi- und Turnoff-Lichter ein, der Captain gibt leicht Schub und lässt mich die kurze Strecke über E bis an den Holding Point E8 der Piste 34 rollen. Der Tiller ist etwas gewöhnungbedürftig, da er bei wenig Bewegung erst gar nicht und dann plötzlich zu stark reagiert. Deshalb fahre ich mehr Schlangenlinien als ein besoffener Autofahrer. Das Line-Up auf die Piste macht er dann selber, damit der Flieger möglichst gerade steht, ich schalte unterdessen noch die Landelichter ein.
Eine der wenigen „Minuspunkte“ am Simulator ist, dass die Leinwand vorne rund ist. Diese Krümmung bewirkt zwar, dass das Bild vorne das Cockpit relativ gut einschliesst, d. h. man kann auch rechts und links aus dem Fenster schauen, allerdings wird der Blick nach vorne etwas „verzerrt“. Wenn ich gerade aus dem Cockpit schaue wirkt es so, als ob ich etwa 10 – 20 Grad nach rechts schauen würde. Um die Runway ganz zu sehen, muss ich etwas nach links schauen. Das macht die Bewegung am Boden und später auch die Landung etwas schwieriger, mindert aber den Spass nicht. Mit Hilfe meines Captains halte ich den Vogel beim Take-Off-Run einigermassen mittig und ziehe bei VR das Yoke langsam zu mir, damit ich dem Flight Director folgen kann. Boaaaah Nr. 1: Das ist etwas schwieriger als beim Airbus A320, da die 777 einfach viel träger reagiert und ich andauern am übersteuern bin. Boaaaah Nr. 2: Dafür sind die zwei grossen Blumentöpfe an den Flügeln dermassen stark, dass wir in Nullkommanix bei 8’000 Fuss Höhe ankommen, unserer ersten eingestellten Flughöhe. Da es hier keine Fluglotsen gibt, spielt der Captain gleichzeitig diese Rolle und cleart uns auf unsere Reiseflughöhe von FL220. Bis zu dieser Höhe fliege ich manuell, bin immer wieder am korrigieren, trimmen, schwitzen. Danach erlöst mich der Autopilot und wir machen uns an die Vorbereitung des Approaches.
Den Anflug planen wir in Milano (LIMC) auf die Piste 35R, ich füttere das FMS mit der entsprechenden STAR (ODINA1Y) und dem Anflugverfahren (ILS). Am Top of Descent schalte ich den Autopiloten aus und fliege den kompletten Anflug manuell, während sich der Captain um Flaps und Co. kümmert. Nebenbei versucht er mir zu erklären, wann man welche Klappenstufen setzt, was ich aber nicht alles mitkriege, da ich mit Tunnelblick auf meine Instrumente starre. Immerhin bleibt mir, dass mit ca. 180kts und Flaps 5 auf den Glideslope trifft, was bei Airbussen Config 1 und S-Speed entspricht, was ich mir gut merken kann.
Die grafische Qualitäti im Sim ist leider bei Weitem nicht so gut wie beim „grossen Sim-Bruder“ der LAT, die sich nähernde Runway samt PAPI-Lichtern sind sehr schlecht auszumachen. Hinzu kommt der oben erwähnte Sicht-Versatz, es fühlt sich deshalb an, als ob ein recht starker Seitenwind von vorne rechts kommt. Ich muss dem Instinkt widerstehen, vor dem Touchdown zu „decrabben“. Doch zuerst muss ich erst mal die Piste treffen.
Ich weiss nicht wie, aber die Landung gelingt einigermassen. Zwar war ich im Short Final immer mal etwas zu hoch und dann wieder zu tief, aber ich ramme den Vogel immerhin nicht in den Boden und habe trotzdem noch in der Touchdown-Zone Bodenkontakt. Der Captain haut die Reverser rein, die Autobrake hilft beim Bremsen. Wir stehen still. Ich atme erst mal durch…
What’s next? Der gewünschte Touch-and-Go! Captain Harry setzt uns im Sim an den Anfang der Piste zurück, macht kurz ein paar Anpassungen, und schon geht’s wieder los! Als Höhenvorgabe dreht er 2’500 Fuss ein, damit wir nicht zu hoch kommen. Der Takeoff erfolgt wieder ohne Probleme, doch noch bevor ich „Haha, ich bin gut!“ schreien kann, brechen wir mit Volldampf durch die 2’500 Fuss Höhenvorgabe und steigen bis knapp 3’500 Fuss, bevor ich den Jet ausleveln kann… Hab‘ ich Raketentriebwerke unter den Flügeln oder was?! Also muss ich wieder etwas runter, Höhe und Heading werden vom Captain vorgegeben, ich gebe die Anweisungen für Flaps und Speed (wobei das weniger Anweisungen als Fragen à la „wäre XXX jetzt passend?“ sind). Der Anflug wieder etwas wackelig, aber immerhin weich. Durchstarten ist angesagt, dieses Mal ohne Level-Bust, was auch daran liegt, dass die eingestellte Höhe diesmal grösser ist (und ich so mehr Zeit habe zum Reagieren), da sich nördlich vom Airport Berge befinden. Dieses mal fliegen wir von Norden her auf die 17L an und stoppen. Noch immer haben wir 40 Minuten Zeit, dabei habe ich das Gefühl, ich sitze schon ewig hier. Die Zeit reicht somit für den Rückflug nach Zürich.
Wieder werden wir an den Anfang der 35R „gebeamt“, das FMS wird im Schnelldurchlauf mit der Route gefüttert, und ab geht die Post. Wir steigen auf FL170 und ich übergebe die Kontrolle an den Captain, damit ich den Anflug programmieren kann: Geplant ist die KELIP1G-STAR via GIPOL mit Anflug auf die 16. Wobei das Ganze dann etwas mit Vektoren abgekürzt wird, damit’s schneller geht. Da ich schon fast einen Krampf in den Fingern habe, entscheide ich mich, vorerst den Autopiloten fliegen zu lassen und die Kontrolle erst wieder zu übernehmen, wenn wir fully established und stabilisiert auf dem ILS sind. Daher spielt Harry den Fluglotsen und gibt mir Vorgaben, die ich selbstständig umsetze.
Die Landung wird dann etwas lang, wir vacaten via B statt der geplanten E5, der Captain rollt den Flieger ans Gate E57, während ich mich um den cleanup kümmere. Bremse rein, Motoren aus, External Power an, APU aus, und das war’s dann auch. Zwei geile und interessante Stunden, die viel zu schnell vorbei waren.
Danke fürs Lesen und sorry für allfällige Tippfehler, ich schreibe dies gerade frisch aus dem Bauch heraus 😉
