Der Traum vom Fliegen… So alt wie die Menschheit. Ich habe ihn mir heute erfüllt… Zumindest annähernd.
Achtung, der folgende Text ist sehr lang und ausschweifend. Für die Lesefaulen unter euch hier die TL;DR-Version:
- Ich war in einem richtigen, beweglichen, Profi-Flugsimulator der Lufthansa
- Es war HAMMMMMEEEERGEEEEEIIIILLLLLLLLLL!!!!!!!!
Prolog – Geschichtsstunde
Noch vor gar nicht allzu langer Zeit hat mich die Fliegerei nicht die Bohne interessiert. Besuche auf der Besucherterrasse am Flughafen waren zwar immer ein Erlebnis, aber der Gedanke, in 12 Kilometern Höhe in einer engen Röhre zu sitzen, die sich mit 80 % der Schallgeschwindigkeit bewegt, löste bei mir nicht gerade Freudensprünge aus.
Das änderte sich, als ich ca. anno 2008 in die wunderbare Welt der Flugsimulation eingeführt wurde. Zuerst mit Kampfjets (eine Stunde ins Zielgebiet fliegen, Bomben NEBEN das Ziel werfen, eine Stunde zurückfliegen, bei Nacht und Wind auf einem Flugzeugträger landen –> Check!), später dann mit Zivilflugzeugen. Da die Standardmaschinen des Microsoft Flight Simulators nicht sehr detailliert sind, was die Systemtiefe betrifft, kam bald mal der eine oder andere Addon-Flieger hinzu. Angefangen mit der Level-D 767, später dann die PMDG MD-11, bis hin zur 737NG des selben Entwicklers. Dadurch lernte ich auch einiges über die Systeme, die in so einem technischen Wunderwerk stecken.
Noch spannender wurde es, als ich anfing, in einem grossen Onlinenetzwerk zu fliegen, wo sich nicht nur andere Hobbypiloten, sondern auch Fluglotsen tummeln.
Leider hatte der Microsoft Flight Simulator so seine technischen Macken, und wenn einem zum x-ten Mal das Bild im Final Approach einfriert, kann dies auf Dauer nerven. Auch meine Motivation sank immer weiter, bis ich der Sim dann irgendwann von der Platte flog.
Fast Forward ins Jahr 2018: Viele Jahre sind seit meinem letzten Flug vergangen, irgendwie habe ich aber immer wieder mit dem „Flusi“ geliebäugelt. Dann wurde mir X-Plane 11 empfohlen… Und seither bin ich wieder „hooked“ 🙂 Läuft flüssig und fehlerfrei. Nun bin ich doch schon einige Monate in einem schicken Airbus A320 unterwegs, arbeite mich in die Systeme ein und habe auch schon meinen ersten Onlineflug hinter mir.
Soweit zu meiner „Vorgeschichte“. Nun zum eigentlichen Thema dieses Beitrages:
Akt 1 – Simulatorfliegen für alle
Die Lufthansa Aviation Training (LAT) betreibt am Flughafen Zürich ein paar Fullmotion Flugsimulatoren für die Ausbildung ihrer Piloten. Zudem werden freie Termine auch online gestellt und können durch jedermann auf http://www.fly-simulator.ch/ gebucht werden. Die Preise variieren zwischen Fr. 1’100.00 (1 Stunde A320) und Fr. 2’040.00 (2 Stunden B777 oder A330/A340). Man kann bis zu zwei Begleitpersonen mitnehmen und sich theoretisch die Kosten teilen, allerdings müssen die anderen Teilnehmer dann auch selber fliegen (nur zuschauen geht nicht).
Ich wollte mir schon seit geraumer Zeit so eine Simulatorsession buchen und im Februar konnte ich mich endlich dazu durchringen. Dass es ein Flug im A320 werden wird, war von Anfang an klar, da ich in meiner Home-Sim mit dem gleichen Jet unterwegs bin. Zudem war klar, dass ich alleine gehen will, damit ich die Flugzeit nicht teilen muss. Gebucht habe ich dann eine Stunde. And today’s the big day… yay… 🙂
Akt 2 – Briefing und ab in den Simulator
Mein Instruktor heute heisst Ernst Leibundgut und ist pensionierter Swissair- und Edelweisspilot. Vor jedem Flug, egal welcher Länge, gibt es ein 90-minütiges Briefing, in dem neben der Erklärung der Instrumente und Systeme auch die eine oder andere Anekdote aus der Fliegerei vorgetragen wird. Ich kann sogar schon mit ein wenig Vorwissen glänzen, da mir die meisten Anzeigen und Bedienelemente schon bekannt sind. Daher sind wir zeitlich etwas früher fertig und müssen deshalb am Simulator warten, bis er frei wird.
Nachdem wir rein dürfen nehme ich auf dem rechten Sitz Platz und lasse es mal auf mich wirken. Was als erstes auffällt: Die Knöpfe, Schalter und Schubhebel sind viel kleiner als sie im „virtuellen“ Cockpit zuhause wirken. Generell ist alles recht eng. Aber alles ist an seinem Platz, wie ich es von daheim kenne, daher fühle ich mich schnell vertraut.
Ernst richtet den Simulator kurz ein, während ich meinen Sitz richtig einstelle. Geflogen wird ohne Wind, dafür mit ein wenig Turbulenzen. Der Airbus ist schon komplett gestartet (einerseits schade, hätte ich gerne selber gemacht, andererseits bleibt so mehr Zeit für die Fliegerei), Ernst muss nur noch die MCDU mit einigen Daten füttern, wobei ich wieder etwas angeben kann, da es ihm beim eintippen des Flaps/THS-Settings immer einen Format Error anzeigt 😉 Nun sind wir endlich „READY FOR DEPARTURE“.
Akt 3 – Fun @ LSZH
Kleine Vorbemerkung: Die ganze Zeit lange werde ich ausschliesslich FLIEGEN. Ich kümmere mich weder um Eingaben an der FCU, noch um Flaps, Gear und Spoilers… Dafür habe ich Ernst.
Wir stehen an der Holding Position A2 der Runway 28. Ernst löst die Parkbremse und gibt etwas Schub. Ich habe meine Hand am Steering Tiller und versuche, den Bus einigermassen gerade aufzulinieren, was mir mehr oder weniger gelingt. Wenn auch nicht so sanft und gleichmässig wie erhofft, da der Tiller verflucht sensibel reagiert.
Jetzt gilt’s ernst. Ernst schiebt den Schubhebel ganz nach vorne auf TOGA. Thrust set, wir beschleunigen, ich drücke den Sidestick leicht nach vorne. V1, rotate, ich konzentriere mich auf die Anzeigen des Flight Directors und folge seinen Vorgaben. Positive rate, Ernst fährt die Räder ein und selected Heading 334… allerdings links herum. So vollziehe ich eine elegante Linkskurve und levele bei 5’000 Fuss aus, was mir ein erstes Lob einbringt. Ich schaue aus dem Fenster und bewundere die schöne Szenerie, achte aber dadurch nicht mehr auf die Instrumente und bin plötzlich zu hoch… Etwas, was mir heute ab und zu passieren wird.
Inzwischen sind wir im Downwind der Runway 16. Ernst setzt die Headings, damit ich aufs ILS komme, welche ich erstaunlich präzise abfliege. Ich folge dem Gleitstrahl bis fast nach unten, muss nur kleinere Korrekturen vornehmen. Über der Pistenschwelle schaue ich nach draussen und konzentriere mich auf die Piste. 50 Fuss über Boden, der Flieger ist jetzt im Direct Law und reagiert sensibler. Ich lausche der Stimme des Radarhöhenmessers… „Fifty… Forty… Thirty… Retard, retard…“. Sanft ziehe ich am Stick, die Räder setzen auf, ich drücke die Nase runter… Etwas links von der Centerline, aber hätte schlimmer sein können. Ernst setzt wieder TOGA, die Motoren heulen auf und auf sein Kommando nehme ich die Nase wieder hoch. Erster Touch and Go erfolgreich ausgeführt.
Ich steige auf 3’000 Fuss, folge dem Heading 095 ostwärts. Kurz darauf folgt die Linkskurve nach Norden, eine Landung auf der 28 steht an. Allerdings komplett „visual“. Also schalte ich meinen FD ab und drehe komplett im Sichtflug in den Final. Ich konzentriere mich aufs PAPI und bringe den Vogel bis auf ein paar laterale Korrekturen einigermassen stabil nach unten. Dann folgt das gleiche Spiel wie vorher: TOGA, wieder abheben und steigen… Es wird Zeit für einen Tapetenwechsel, Ernst programmiert den Simulator ganz schnell um…
Akt 4 – Welcome to Austria
Ein paar Klicks auf seinem iPad und wir sind in der Nähe von Innsbruck. Ein Flughafen umgeben von Bergen, weshalb ein gerader Anflug nicht möglich ist. Der Sim ist noch pausiert, ich sehe die Runway 26 rechts vorne.
Dieser Anflug ist wieder rein nach Sicht, aber neben einem PAPI zeigen mir Lead-in-Lights die korrekte Pistenachse. Natürlich bin ich trotzdem mal zu weit links, dann wieder zu weit rechts, schaffe es aber im letzten Moment, den Flieger einigermassen gerade aufsetzen zu lassen. Dann der Touch and Go as usual, Ernst gibt ein Heading vor, das mich nahe an die Berge bringt, aber nötig ist, damit wir genug Platz für eine Kurve haben. Selbige gelingt dann auch, allerdings bin ich viel zu hoch und muss schnell runter. Das bringt natürlich etwas Speed, was zu einer Overspeed-Warning führt. Im Final bin ich dann plötzlich etwas zu tief, so dass ich fast Angst habe, einem Fabrikgebäude in der Anflugschneisse das Dach wegzureissen. Aber ich schaffe es dann doch erfolgreich auf den Boden… Und weil aller Guten Dinge drei sind, starten wir auch hier durch und bereiten uns auf den Anflug Nr. 3 auf Innsbruck vor.
Auch diesen Anflug führe ich nach Ernsts Vorgaben aus, nur bei der Landung flare ich etwas lange, weshalb das Pistenende beim Durchstarten bedrohlich nahe kommt… Ich schaffe es aber rechtzeitig, die Räder vom Boden wegzubekommen, und Ernst bereitet die nächste Herausforderung vor…
Akt 5 – Inselfieber
Nächster Halt: Madeira. Die zu Portugal gehörende Insel im Atlantik bietet einen anspruchsvollen Anflug, bei dem man erst kurz vor der Piste aus einer Kurve herauskommt.
Ich befinde mich über dem Meer, den Flughafen sehe ich rechts von mir. Zuerst folge ich via Flight Director den Heading-Angaben von Ernst, den letzten Teil muss ich jedoch nach Sicht fliegen. Immerhin weisen mir blinkende Lichter am Boden den Weg. Allerdings fliege ich die Kurve etwas früh und muss dann noch korrigieren. Auch bin ich erst ein wenig zu hoch. Meine Korrekturen fallen teilweise etwas ruppig aus, so nervös bin ich. Meine Hände sind nass, und wenn ich Passagiere hätte, würden die mir wohl die Kabine vollkotzen… Trotzdem „gelingt“ (Definition: Ich komme runter, ohne das Fahrwerk zu schrotten) auch diese Landung. Natürlich bleiben wir auch hier nicht stehen sondern starten durch. Danach folgt der gleiche Anflug noch einmal, dieses Mal gelingt er mir besser.
Akt 6 – Wieder Boden unter den Füssen
Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass sich meine Simulatorzeit langsam dem Ende neigt. Dabei haben wir doch erst gerade angefangen! Deshalb „beamt“ Ernst uns wieder zurück nach Zürich, in den Anflug auf die 34. Der Plan diesmal: Touch and Go auf der 34, danach Full-Stop-Landing auf der 16. Da dies die gleiche Piste ist, nur in entgegengesetzter Richtung, muss ich nach dem Durchstarten Kurs 030 fliegen und dann eine Linkskurve in den Final machen.
Die Landung auf der 34 gelingt ganz gut, die auf der 16 dann ein wenig zu lang, da ich zu stark flare. Zum Glück ist die Piste schön lang, da ist genug Platz. Als ich versuche zu Bremsen, will es irgendwie nicht so, zumindest habe ich nicht das Gefühl, dass die Pedale sich bewegen. Deshalb bremst Ernst.
Ich rolle zum Gate und folge den Anweisungen der Anzeigetafel, die mir sagt, ob ich zuweit rechts/links bin und wann ich stoppen muss. Ich schaffe es, mittig zu bleiben. „Bremsen“ ist dann eine andere Geschichte… :-/ Die Tafel verspottet mich mit einem dicken „TOO FAR“, aber immerhin bin ich nicht gleich ins Terminal geknallt.
Ernst aktiviert die Ground Power, ich darf als Abschluss die Triebwerke ausschalten.
Epilog – Time to say goodbye
Mein Fazit: Obwohl ich extrem nervös war und eigentlich die ganze Zeit nur damit beschäftigt war, das Flugzeug zu fliegen und entweder auf die Instrumente oder aus dem Fenster zu starren, hat es verdammt viel Spass gemacht. Ich hätte auch nie gedacht, dass es so gut läuft. Während Ernst bei den ersten paar Landungen noch mit kleinern Steuerkorrekturen aushalf, durfte ich die letzten Anflüge komplett ohne Hilfe durchführen. Am meisten Hilfe benötigte ich mit den Ruderpedalen, um den Flieger am Boden in der Spur zu halten. Ich war so angespannt und auf den Sidestick konzentriert, dass ich die Pedale oft vergessen habe.
Berufswechsel zum Piloten? Nein, dafür ist der Zug abgefahren 😉 Aber ich will irgendwann nochmals in den Simulator, und dann gleich für zwei Stunden 🙂
Unten noch ein paar Impressionen. Ich habe mir noch nie so sehr ne GoPro gewünscht wie heute. Ach, was hätte ich gerne alles gefilmt 🙂
Und falls ihr bis hierhin gelesen habt: Chapeau! Was für ein Durchhaltewillen. Freue mich über Likes und Kommentare 😉





