Vom 30. Juni bis 8. Juli 2023 fand in Neuenburg das „Internationale Festival des fantastischen Films“ statt (freie Übersetzung von mir… mit „NIFdfF“ würde sich das wohl nicht vermarkten lassen). Ein paar Tage war auch ich vor Ort…
Das Vorspiel
Es war an einem lauen Mittwochabend im Juni, als es mich ausnahmsweise unter der Woche nach Bern ins Kino zog. Animittwoch war angesagt, die Filmreihe der Kultmoviegang (www.kultmoviegang.ch), bei der jeden ersten Mittwoch im Monat ein Anime im Kino gezeigt wird. Und Donnerstag war bei uns im Tschifiland sowieso Feiertag, daher konnte ich mir den unterwöchigen Ausflug ohne schlechtes Gewissen gönnen.
„Spirited Away“ hiess das zeichnerische Meisterwerk, zu deutsch „Chihiros Reise ins Zauberland“. Im Pausengespräch mit einer langjährigen KMG-Memberin kam dann das Thema NIFFF auf. Ein paar der KMG-Kerncrew seien auch ab und zu vor Ort, ob ich nicht auch mal Lust hätte, zu kommen. Zudem stellte sich heraus, dass das Festival genau in meine Sommerferien fällt. Da ich mich dieses Jahr schon ans Kult-Attack (Link) gewagt habe und mich auch an den Foyerspielen an den KMG-Worst-Nights engagiere – sprich: ich versuche, meinen Fluchtreflex bei Menschenmassen zu unterdrücken und etwas mehr aus meiner Komfortzone zu kommen -, hatte ich nicht wirklich eine Ausrede, NICHT mal am NIFFF vorbeizuschauen.
Nach Publikation des Programms und Start des Ticketverkaufs entschied ich mich für fünf Tage Festival: Montag bis Freitag. Hotel gebucht, Festivalpass gekauft, und heute Montag zum ersten Mal in Neuchâtel ins Getümmel gestürzt…
(Klick auf die jeweilige Überschrift führt direkt zur NIFFF-Page des jeweiligen Films)
Montag, 3. Juli 2023
Nach knapp 2.5 Stunden Fahrzeit inkl. Mittagspause schlage ich ca. 14.30h in Neuchâtel auf. Da mich mein Navi durch ein Fahrverbot führen will, stelle ich meinen Steppi einfach mal in Hotelnähe auf einen öffentlichen Parkplatz und mache mich „à pied“ auf die Suche nach dem Hotel – und einem richtigen Parkhaus. Letzteres ist schnell gefunden, durch die kuriose Verkehrsführung der Stadt – gefühlt überall Einbahnstrassen – etwas umständlich zu erreichen. Aber hey, immerhin ist mein Auto jetzt im Schatten.
Im Hotel kriege ich eine Parkkarte für die weissen Parkplätze in der Umgebung – ist günstiger als das Parkhaus -, leider sind alle Plätze um das Hotel besetzt. Also erstmal das Zimmer beziehen, die nähere Umgebung erkunden, nochmals kurz duschen und ab ins Kino:
Dänisches Künstlerpärchen zieht mit Kleinkind Nemo (not kidding) und Hündin Tarzan in die schwedische Wildnis, um die angespannte Beziehung aufzufrischen. Bald scheint es aber, dass die drei doch nicht ganz so alleine sind wie erhofft. Und als es Söhnchen Nemo kurzzeitig seinem animierten Vorbild gleichtut und verschwindet, nur um nach senem wiederauftauchen stur zu behaupten, seine Mama sei nicht seine Mama, nimmt das Drama so langsam Fahrt auf.
Der Film hat mich positiv überrascht, wohl auch, weil er anders ist, als ich erwartet hatte. Nach dem grossen Plottwist war ich ziemlich gefesselt, auch wenn sich die Protagonisten anstatt der Lösungssuche lieber wieder Beziehungsgeplänkel hingaben. Daher hat der Film ein paar Längen, und am Ende habe ich dann die Übersicht verloren, wer jetzt was mit wem, und überhaupt…
Meine Wertung: 4 von 5
Junge Inderin legt sich mit Dämon an, der ihre ehemals beste Freundin entführt.
Die Art Horrorfilm, die ich an sich nicht mag. Trotzdem hat er mir einigermassen gefallen, auch wenn ich nicht alles mitgekriegt habe, weil ich mir bei den gruseligen Szenen einfach mal die Augen zugehalten habe #schisshaas… Grösstes Problem des Streifens ist eines, das viele Horrorfilme haben: Das Monster wird die ganze Zeit nur vage gezeigt – im Schatten, oder verschwommen, oder in der Dunkelheit -, das macht die Sache spannend und gruselig. Am Ende sieht man es dann ganz, und es wirkt halt simpel gesagt wie ein „Typ in einem Kostüm“…
Meine Wertung: 3.5 von 5
Ich glaube, zu dem muss ich nichts mehr sagen. Der Schweizer Kult- und Skandalfilm aus dem letzten Jahr, der im vollen Kino einfach eine riesen Party ist. Und wenn man noch direkt neben einer der Darstellerinnen sitzt, erfährt man noch so einiges an Trivia 😉
Meine Wertung: 5 von 5
Der erste Tag ist vorbei, nun kann ich noch mein Auto umparkieren. Und weil ich eh nicht schlafen kann: In die Tasten hauen…
Dienstag, 4. Juli 2023
Erster – und sehr spontan gebuchter – Punkt auf der heutigen Tagesordnung ist ein Vortrag über… Games… an einem… Filmfestival… Gut, Spiele werden immer cinéastischer (die zwei heute gezeigten gehören da jetzt aber nicht unbedingt dazu). Aber hey, ist schliesslich mein Lieblingshobby, also nichts wie rein da. Die zwei anwesenden Gamedesigner stellen ihre Spiele „Nocturnal“ (Link zu Steam) und Tinykin (Link zu Steam – Aktuell im Sale bis 13.07., unbedingt zuschlagen, eines meiner Favorites 2022!) vor, inklusive kurzer Demonstration. Anschliessend parlieren beide über die Entwicklung und stellen sich den Fragen des Publikums. Leider alles nur „en français“. Ünd mit meine Schülfronzöösiiiisch komme isch leider nischt soo weit, parce’que je ne comprens fast nix, weil everyöne is parler so fücking rapide…
Meine Wertung: 2.5 von 5
Problemteenie zieht zu ihrer Tante, kriegt Superkräfte und löst das Geheimnis um verschwundene Teeniegirls.
Für mich bisher die grösste Enttäuschung. Fängt schon mal beim Sound an: Insbesondere die Dialoge zwischen Main Girl Jonny und ihrer Tante werden in so ner Art Flüsterton vorgetragen. Das soll wohl Spannung erzeugen und mysteriös klingen, nervt aber auf Dauer, because people! don’t! talk! like! that! Wenn dann gleichzeitig die Hintergrundmusik so laut aufgedreht wird, dass sie fast die Dialoge übertönt, ist man froh um die Untertitel… Leider ist auch viel zu schnell klar, wer denn nun wirklich „böse“ ist, so dass die Spannung viel zu früh flöten geht.
Meine Wertung: 2 von 5
In einer postapokalyptischen Zukunft ist die Erde praktisch ausgestorben, die wenigen verbliebenen Menschen leben unter einer riesigen Schutzkuppel in Budapest. Mit dem Erreichen des 50. Lebensjahres geht ihr Körper jedoch in Besitz der Stadt über und wird mittels Einpflanzen eines Samens mitten ins Herz zu einem Baum. Die erst 32-jährige Nora, vom Tod ihres Sohnes getroffen, tritt ihren Körper freiwillig ab, da sie keinen Sinn mehr sieht, weiterzuleben. Ihr Mann Steffan kann das nicht akzeptieren und startet eine „Rettungsmission“, um sie aus der Baumplantage zu befreien…
Dieser ungarische Animationsfilm fällt vorallem erst einmal durch den optischen Stil auf: Die handgezeichneten Charaktere befinden sich vor primär CGI-generierten Hintergründen. Letztere wirken zwar teils wie aus einer PS1-Ära-Cutscene, und die Charaktere haben andauernd so ein „Flimmern“ (schwer zu erklären, schaut den Trailer und achtet besonders auf die Haare), was das Ganze etwas unruhig wirken lässt, aber in der Summe ist der Stil erfrischen anders zum üblichen Disney/Pixar/etc.-Einheitsbrei. Die Geschichte hat mich recht gut gepackt, auch wenn ich nicht ganz durchgeblickt habe, was die Verwandlung in Bäume der Gesellschaft bringt (Frische Luft? Food?). Kann natürlich auch sein, dass ich das beim ganzen Untertitel lesen übersehen habe, denn der Film ist auf ungarisch… Segítség!
Meine Wertung: 3.5 von 5
Grace reist auf die Isle of Sky, da ihr Bruder ermordet wurde, der dort in einem Kloster lebt. Sie gibt sich mit der offiziellen Erklärung, dass ihr Bruder – nach Aussage von Schwester Oberin – vom Teufel besessen einen Priester und dann sich selber gemeuchelt hat, nicht zufrieden und fängt an, selber zu recherchieren. Dadurch muss sie sich auch mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen.
Hier war ich positiv überrascht, da ich eher einen 08/15-Nonnen-Horrorfilm erwartet hatte. Doch der Film spart mit billigen Jumpscares und wirkt dank des Twists am Ende recht tiefgründig. Und am Ende gab’s sogar was zu lachen #dontstandinthemiddleofthefuckingstreetyoustupidbitch.
Meine Wertung: 4 von 5
Ein Topmodel zieht in ein neues Appartement… and sees dead people!
Nochmals Religionshorror, diesmal mit weniger Nonnen, dafür mit dem typischen Charme, den diese 70er-Jahre-Produktionen so versprühen. Mit Jeff Goldblum in einer Nebenrolle, was natürlich die anwesende(n) Dame(n) entzückt hat. Hat der Kerl im Vertrag stehen, dass er in jedem Film seinen Oberkörper zeigen will?
Meine Wertung: 3 von 5
Nach einem kleinen Missgeschick sind die Toten etwas weniger tot und haben Heisshunger auf „Braaaaiiiinns“…
Highlight des Tages! Tolle Effekte und viel Witz. (Ich muss aber zugeben, dass ich die „Return of the Living Dead“-Reihe mit der „Evil Dead“-Reihe verwechselt und daher was völlig anderes erwartet habe… Wieso müssen die auch alle so ähnlich heissen?). Nur das Ende fand ich ein wenig gar abrupt…
Meine Wertung: 4.5 von 5
Mittwoch, 5. Juli 2023
Mittvierziger Vincent wird eines Tages ohne sichtbaren Grund von einem Arbeitskollegen angegriffen. Als sich die Vorfälle mit weiterem Kollegen, Nachbarn und wildfremden Menschen wiederholen, flieht er aufs Land und reisst noch eine Kellnerin, die er unterwegs trifft, ins Verderben…
Einer der Filme, auf die ich ein wenig gehyped wurde, weil er ja so toll sei. Vermutlich war ich aufgrund dieser Erwartungshaltung am Ende enttäuscht. Aus der Ausgangslage hätte man generell mehr machen können, die Regeln, wer wann wen angreift, scheinen völlig wirr und zufällig, und der Film hat zu viele Längen und zieht sich am Ende etwas schleppend hin. On the positive side: Der Hund war süss.
Meine Wertung: 2.5 von 5
Sam Neill als Ehemann, Isabelle Adjani als Ehefrau, und ganz ganz viel Geschrei…
Holy Shit! WHAT! THE! FUCK! DID! I! JUST! WATCH!? Ganz nüchtern betrachtet ein Beziehungs-Psychodrama: Frau geht fremd, Mann und Frau schreien sich an, Mann schlägt Frau, will sich aber bessern, Mann lernt Lover der Frau kennen, Mann lernt Lehrerin kennen, die genau so aussieht wie Frau… Frau hat Fehlgeburt, Fehlgeburt wird zu komischem Glibberwesen, Frau killt Leute, die Fehlgeburt entdecken, Frau f*ckt Glibberwesen, aus Glibberwesen wird Doppelgänger von Mann… Keine Ahnung, ich war sowas von lost… Habe ich mich unterhalten gefühlt? Allemal! Das Schauspiel von Neill, Adjani und dem Lover war sowas von over-the-top, ein paar lustige Szenen gab’s auch, aber der Film war einfach zu lang, und am Ende wäre mir fast der Schädel explodiert…
Meine Wertung: 3.5 von 5
Beverly Sutphin ist eine ganz normale Vorstadtmutter, die sich mit viel Liebe um Mann, Kinder und Haushalt kümmert… und so nebenbei noch Leute umbringt, die ihr auf die Nerven gehen.
Oh mein Gott, mein bisheriges Highlight! Rabenschwarz, saukomisch und mit einer glänzend aufspielenden Kathleen Turner. Auch sehenswert: Matthew Lillard als Sohn Chip. Meine Theorie ist ja, dass Chip später seinen Namen ändert, in die Fussstapfen seiner Mutter tritt und selber zum Serienkiller wird 🙂
Meine Wertung: 5 von 5
Donnerstag, 6. Juli 2023
Vorführung von insgesamt 6 Kurzfilmen, bei denen ein detailliertes „Review“ den Rahmen sprengen würde. Daher nur die Bewertung in Zahlen:
A Calling. From the Desert. To the Sea: 3/5
La Pursé: 4.5/5
The Blue Hour: 0.5/5
La Machine d’Alex: 4/5
Carrion: 2.5/5
Se dit d’un Cerf qui quitte son Bois: 4/5
Die frisch aus der Psychiatrie entlassene Jessica will auf dem Land Ruhe und Frieden finden, findet stattdessen Leichen und Vampire.
Standard-70er-Jahre-Horror ohne grossen Erinnerungswert. Solide, nicht mehr.
Meine Wertung: 2.5 von 5
Zwei toughe Polizistinnen wollen grossen Gangsterboss hinter Gitter bringen und prügeln sich durch Hong Kong.
Nach all dem Horror und der Fantasy tat es richtig gut, einfach mal einen reinen Actionfilm zu sehen. Der Actionkracher mit Michelle Yeoh und Cynthia Rothrock ist witzig (sofern man diesen typischen 80er-Jahre-Hong Kong-Humor mag) und genial choreographiert. Lediglich das Ende enttäuscht.
Meine Wertung: 4.5 von 5
In einer Zukunft, in der nicht-natürliche Tode mittels Backup rückgängig gemacht werden können, kämpft eine Polizistin gegen eine Terrororganisation, dieser Technologie mit aller Gewalt entgegentritt.
Wieder ein spannendes Zukunftssetting, wo ich gerne mehr über die Welt und wie sie funktioniert erfahren hätte. Der Kriminalfall ist solide, die Schauspielleistungen top, leider wirkt der Film gegen Ende, als wolle er nicht enden.
Meine Wertung: 4 von 5
1918: Die junge Pearl lebt auf einer Farm und kümmert sich mit ihrer Mutter um die Tiere und den kranken Vater, wäre aber lieber Filmstar. Dafür greift sie auch schon mal zur Axt…
Toller visueller Stil, grandiose Hauptdarstellerin, aber dafür, dass es (gem. Wikipedia) ein Slasher sein soll, scheint mir der Film zu brav und unblutig. Aber alles in allem wurde ich unterhalten.
Meine Wertung: 4 von 5
Freitag, 7. Juli 2023
6 asiatische Kurzfilme.
A Night with Moosina: 3/5
Foreigners only: 4.5/5
I saw a Ghost and it was beautiful: 1.5/5
The new Tale of Rat Wife: 3/5
Meet again: 2.5/5
Hito: 4/5
Talentierte Schwertkämpferin legt sich mit einem Meister an, um den Tod ihrer Schwester zu rächen.
Uuh, ein richtig tolles 70er-Martial-Arts-Drama mit tollen Kämpfen und Story auf Soap-Opera-Niveau. In der Mitte etwas langatmig, dafür mit brutalem und eindrucksvollem Ende.
Meine Wertung: 4.5 von 5
Ein Wahrsager erkennt, dass ein junger Mann in Zukunft einen Mord begehen wird und versucht dessen Schicksal zu ändern. But fate’s a stubborn Son-of-a-B****.
Hong Kong Mystery-Thriller, der mich nicht so richtig zu packen vermochte.
Meine Wertung: 1.5 von 5
Recap
Das waren sie nun, meine 20 Vorführungen am NIFFF 2023 (17 Filme, 2 Kurfilmsammlungen, 1 Vortrag). Eigentlich wäre am Freitagabend noch Last Action Hero angesagt gewesen, aber für mich war ein Punkt erreicht, wo ich einfach nicht mehr konnte. Die Kinos sind nicht alle gleich gut klimatisiert, teils fühlt man sich wie in einer Sauna. Ich wollte einfach nur noch heim.
Ich habe mich 5 Tage lang aus meiner Komfortzone gewagt, nun sind zwei Tage Erholung angesagt. Nichtsdestotrotz ein spannendes Erlebnis. Ob es sich nächstes Jahr wiederholt? Kann ich jetzt noch nicht sagen. Wenn, dann vermutlich nicht mehr eine ganze Woche.
Ein paar schnelle Worte zum Hotel: Hotel Touring au Lac, direkt am See und keine fünf Minuten von den Kinos entfernt. Standard-3-Sterne-Hotel, mageres Frühstücksbuffet, Zimmerschlüssel mit so grossem Anhänger, dass man ihn als Totschläger verwenden könnte… Aber geschlafen habe ich trotzdem recht gut.
Thank you and Goodbye
Bleibt als letztes nur noch das DANKESCHÖN an die neuen Bekanntschaften, die ich machen durfte, waren sie auch noch so flüchtig. Insbesondere an T. fürs Herumführen und Vorstellen.
Man sieht sich dann sicher in Bern mal wieder.
Cheers, Pascal
