Kino

The Best Worst Movie: „The Room“

The Room

Johnny liebt Lisa. Lisa liebt Mark. Und alle lieben Löffel.

Oh, hai, liebe Leser – An introduction to „The Room“

„The Room“ ist ein romantisches Drama aus dem Jahre 2003, geschrieben, produziert, geregisseurt und gehauptschauspielert von Tommy Wiseau. Der ursprünglich als Bühnenstück geschriebene Film spielte in seinen 14 Tagen im Kino1 magere USD 1’900.00 ein. Von Kritikern als einer der schlechtesten Filme aller Zeiten verrissen („the Citizen Kane of Bad Movies“), erlangte das 99-minütige Drama nach einiger Zeit Kultstatus, insbesondere dank seiner bizarren Handlung, miesem Schauspiel und der vielen technischen Fehler.

Fast Forward in den Herbst 2017. Auch ich habe von diesem Streifen gehört, und davon, wie er bei Mitternachtsvorführungen im Ausland abgefeiert wird. Daher wollte ich mal herausfinden, ob es das in der Schweiz auch gibt. Und siehe da: Wie es der Zufall so wollte, kündigte die Kultmoviegang in Bern für den Januar 2018 ein Doppelscreening mit „The Room“ und seinem Quasi-Making-Of „The Disaster Artist“ (siehe Ausklappkasten unten) an.

The Disaster Artist

„The Disaster Artist“ ist ein Buch aus dem Jahr 2013 des Schauspielers Greg Sestero, der in „The Room“ die Rolle des Mark übernimmt. Im Buch schildert er, wie er Tommy Wiseau kennenlernte und sich mit ihm anfreundete, und wie sie zusammen „The Room“ gedreht haben. Das Buch wurde 2017 von James Franco verfilmt. Buch und Film sind in meinen Augen Pflichtlektüre für jeden Filmfan, besonders Anhänger schlechter Filme.

Gut ausgestattet mit zwei Säcken Plastiklöffeln machte ich mich somit im Januar 2018 mit dem Zug auf ins ferne Bern. Und die Vorführung hat dermassen Spass gemacht, dass ich wenig später meine erste KMG-Mitgliedschaft löste (mehr zur Kultmoviegang am Ende des Posts).

Und, guess what! Als krönenden Jahresabschluss 2023 zeigt die KMG „The Room“ wieder in Bern. Gelegenheit für mich, euch den Streifen schmackhaft zu machen und hoffentlich ins Kino zu locken. (Und wer keine Lust hat auf langen Text oder Spoiler, klickt einfach HIER).

What (a) Story, Mark!? – Wenn die Geschichte mehr lose Fäden hat als der Billigpulli aus der Ramschkiste

Johnny (Tommy Wiseau) ist ein erfolgreicher Banker und wohnt mit seiner wunderhübschen Verlobten2 Lisa (Juliette Danielle) in San Francisco. Die beiden wohnen zusammen in einer kleinen Maisonettewohnung, die aber dringend mal eine Feng Shui-Beratung bei der lieben Ariane von ENERCHI.HOMES nötig hätte.

Trotzdem: Liebe liegt in der Luft, daher dauert es gerade mal fünf Minuten, bis zum ersten Mal die Hüllen fallen und Johnny zu melodischen Klängen3 gekonnt Lisas Bauchnabel penetriert4.

Als Johnny am nächsten Morgen pflichtbewusst zur Arbeit dackelt, lernt der Zuschauer die wahre Lisa kennen: Sie liebt ihn gar nicht, sondern seinen besten Freund Mark. Lisas Mutter Claudette versucht ihr das zwar auszureden, denn Gefühle sind in einer Beziehung ja nicht wichtig, und solange er ihr Leben finanziert, soll sie gefälligst bei ihm bleiben5.

Ist sie einsichtig? Natürlich… nicht. Sie scheint eher noch motivierter, Mark flach zu legen, und so kommen wir in Genuss von Sexszene Numero Due (wir sind aktuell ca. in Filmminute 15, nur so als Referenz). Die zwei sind so scharf aufeinander, dass sie es gar nicht bis ins Schlafzimmer schaffen und gleich auf der Treppe drauflospimpern. Natürlich wieder unterlegt mit Musik6 – und nachträglich synchronisiertem Gestöhne. Immerhin muss die arme Juliette Danielle diesmal ihre entblösste Oberweite nicht präsentieren.

Da Johnny eine lange erhoffte Beförderung nicht erhält, ist er mürrisch. Aber weil Lisa gerne im Mittelpunkt steht, jammert auch sie rum, dass sie keine Kunden findet. Das „Computerbusiness“ sei halt zu kompetitiv7. Zur Aufmunterung setzt sie ihn unter Alkohol, und viel Alkohol führt bekanntlich zu was? Genau: Welcome to Sexscene Number Three8… Puh, schon 30 Filmminuten geschafft. So gut wie Lisa zu vögeln ist, wär sie prädestiniert für eine Rolle in einem der nächsten „Birdemic“-Teilen…

Um die Leute auf ihre Seite zu ziehen, behauptet Lisa, Johnny hätte sie geschlagen. Johnny ist darüber natürlich sehr aufgewühlt, denn er „did not hit her, it’s not true, it’s bullshit, he did not hit her, he did naaaahhht9„. Der Streit versandet, because don’t worry about it…

Weil Lisa so eine helle Leuchte ist redet sie offen in der Wohnung mit ihrer Mutter über die Affäre mit Mark. Johnny kriegt das mit, aber anstatt sie zur Rede zu stellen, packt er einen Kassettenrekorder an den Anrufbeantworter, um ein Gespräch zwischen ihr und ihrem Lover aufzuzeichnen.

Hey, wisst ihr, was wir schon über 30 Minuten nicht mehr hatten? Genau: Sex! Teilnehmer diesmal: Mark und Lisa, die es aber diesmal bis ins Schlafzimmer geschafft haben. Ist wohl bequemer als eine Wendeltreppe.

Die gute Nachricht: Das war’s mit Gepoppe! Denn bevor es10 zu Schäferstündchen Nummer 5 kommen kann, werden beide durch Lisas beste Freundin unterbrochen.

Die schlechte Nachricht: Der Film ist noch nicht ganz zu Ende. Auf einer Party zu Johnny Geburtstag kommt’s zum grossen Zoff weil Mark und Lisa eng umschlungen tanzen. Als Johnny dann die Bestätigung erhält, dass seine geliebte Lisa ihn betrogen hat (Kassettentaperekorderdings, you remember?), rastet er vollends aus und zertrümmert das Mobiliar (hey, Johnny, falls du die Möbel nicht mehr willst, wären die ja vielleicht was für das Upcyclingprogramm von ENERCHI.HOMES!). Und es wäre ja kein richtiges Drama, wenn er sich zum Schluss nicht noch die Kugel geben würde.

Dies war jetzt nur mal eine grobe Abhandlung der Hauptstory. Nicht minder bizzar sind die ganzen zusätzlichen Erzählstränge, die eingeführt und nie aufgelöst werden, oder auch sonst so gar keinen Sinn ergeben. Hier mal drei Stück:

  • Nachbarsjunge Denny (Philip Haldiman) hat scheinbar ein Dropenproblem und kriegt Ärger mit Dealer Chris-R (Dan Janjigian) – mehr erfahren wir aber nicht!
  • Lisas Mutter Claudette (Carolyn Minnott) erzählt beiläufig, dass sie Brustkrebs hat, worauf Lisa beiläufig im Stil von „Ach, keine Sorge“ antwortet – mehr erfahren wir aber nicht!
  • Die männlichen Hauptcharaktere tragen plötzlich Anzüge und gehen damit auf die Strasse, um Football zu spielen. Wieso? Erfahren wir nicht!

Spoons? SPOOONS! – Kinospass mal anders

„The Room“ wäre nur halb so toll anzuschauen, wenn es nicht so ein paar lustige Traditionen gäbe:

Du siehst ein Bild mit einem Löffel auf der Leinwand? Wirf ein paar Plastiklöffel quer durchs Kino und rufe „Spoon“! Aber am Schluss bitte aufräumen, ja?

You are tearing my Lachmuskeln apart, Johnny! – And the Oscar goes to…

Das Acting ist – wie soll es bei einem solchen Film anders sein – praktisch durchgehend mies. Johnnys unverständliches und meist falsch intoniertes Gemurmel, sein Overacting, sein starrend-leerer Blick… Man sitzt hier einfach fasziniert im Kinosessel und denkt sich: „Bin ICH grad auf einem Drogentrip, oder ER?“

Anyway, how is your sex life? – Dialoge aus der Hölle

Ich will über die grandiosen Dialoge gar nicht viel schreiben, sondern einfach ein paar Beispiele präsentieren:

  • Lisa: Do you want me to order a pizza?
  • Johnny: Whatever, I don’t care.
  • Lisa: I already ordered pizza. (WIESO ZUM TEUFEL FRAGST DU IHN DANN?)
  • Lisa: Did you get your promotion?
  • Johnny: Nah
  • Lisa: You didn’t get it, did you? (HAT ER DOCH GRAD GESAGT!)
  • Mike: I have to go see Michelle in a little bit to make out with her (TMI, DUDE! TMI!)
  • Mark: You can drop off the earth, that’s a promise! (Hää!?)

You are my Rose! – Musikalische Poesie auf Fahrstuhlniveau

Ja, der Film hat auch einen Soundtrack. Den gibt’s leider irgendwie nicht mehr bei Spotify. Daher hier der Link zur YouTube-Playlist: https://www.youtube.com/watch?v=ojeDLnEsWy0&list=PL82EC94D85E27DBD4 You’re welcome 🙂

Don’t leave your stupid comments in your pocket

Hach, was für ein grandioser Film, der erst so richtig zur Geltung kommt, wenn man ihn in einem Kino voller gleichgesinnter Verrückter schaut. Und genau das könnt ihr demnächst. Die Kultmoviegang zeigt das Meisterwerk zum Saisonabschluss am Freitag, 22. Dezember 2023 um 20.15 Uhr im CinéClub in Bern.

(c) Kultmoviegang.ch

Falls deine Neugier nun geweckt ist: Tickets gibt’s direkt bei Quinnie.

Mehr zur Kultmoviegang:

Zum Abschluss noch ein kurzes Zitat von Johnny, das aber meiner Meinung nach einen wahren Kern hat: „If a lot of people love each other, the world would be a better place to live“.

In diesem Sinne: Be nice, be safe, and pick up your spoons!

Euer Pascal

Fussnoten:

  1. Ja, länger lief der Streifen 2003 erst mal nicht ↩︎
  2. Wobei in den Dialogen nie von „Fiancée“ geredet wird, sondern von „Future Wife“ ↩︎
  3. Von der Musik her bester Pornosound, den Refrain würde ich das als „Discount Shelf ‚Grenade‘ from Bruno Mars“ bezeichnen. ↩︎
  4. Aber hey, Loch ist Loch ↩︎
  5. Drückt da vielleicht Wiseaus Frauenbild durch? Ach, iwooooo… ↩︎
  6. Highlight diesmal: Der Refrain mit dem Sprung in der Schallplatte ↩︎
  7. Was sie genau arbeitet erfahren wir nie. Vielleicht arbeitet sie ja bei budgetcomputer.ch? 😉 ↩︎
  8. Welche allerdings unverwendetes Material aus Sexszene Nr. 1 verwendet und daher ziemlich gleich aussieht. Inklusive Boobs… ↩︎
  9. DON’T EVEN ASK! ↩︎
  10. Magere zwei (!) Minuten nach der letzten Sexszene! ↩︎

About Pascal